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Biosprit, Pro + Contra

Lassen Sie sich vom aktuellen Mediengetöse zum Thema Biosprit nicht verunsichern. Informieren Sie sich hier und jetzt über das aktuelle Geschehen und diskutieren Sie mit! 

Zunächst möchten wir uns an dieser Stelle zu einem grundsätzlichen "Ja" zum Biosprit bekennen. Die Endlichkeit von Kohle und Ölvorkommen, sowie der von Rekord zu Rekord eilende Ölpreis müssen jedem von uns klar werden lassen, dass wir dringender denn je, alternative Energieträger benötigen um den stetig wachsenden Energiebedarf sicher stellen zu können. Biokraftstoffe leisten hier einen wichtigen Beitrag im Hinblick auf die sich abzeichnende Energiewende.

Dieser Artikel wurde verfasst, um der seit Anfang Februar 2008 zu beobachtenden, extrem einseitigen (Negativ)Darstellung des Themas „Biokraftstoffe/Biosprit“ durch die Medien etwas entgegen zu setzen.

Dieser Artikel soll in erster Linie einfache, für Jedermann überprüfbare Fakten zum Thema Biosprit liefern, die es erlauben, sich umfassend über dieses wichtige Thema zu informieren und auch an der öffentlichen Diskussion um Biosprit aktiv teilzunehmen.

Der Artikel geht beispielhaft auf sieben typische Aussagen ein, wie sie aktuell durch die Medien oder in der Öffentlichkeit verbreitet werden. Der nachfolgende Text hinterfragt diese Aussagen und liefert Hintergrundinformationen, die es dem Leser erlauben, Einblick in den Gesamtzusammenhang zu erhalten.

Wenn Sie uns fundierte Quellen im Internet benennen können, die die im Artikel aufgestellten Thesen untermauern können, so schicken Sie uns bitte eine Email mit den entsprechenden Quellenverweisen. Wir werden diese prüfen und in eine Linkliste am Ende dieser Seite mit aufnehmen.

1. Die zunehmende Produktion von Biosprit führt zu einem rasanten Anstieg der Nahrungsmittelpreise weltweit.

Richtig ist, dass die weltweit notierten Preise für Grundnahrungsmittel wie z.B. Reis, Milch, Weizen, Mais, Sojabohnen etc. in den letzten 12 Monaten stark gestiegen sind.
Die Gründe hierfür sind neben rückläufigen Ernten und Lagerbeständen, eine von Grund auf reformierte EU Agrarpolitik, ein zunehmender Appetit gerade in den größeren Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien, deren Bevölkerung und deren Pro Kopf Verbrauch an Grundnahrungsmitteln seit Jahren stetig wächst, sowie die zunehmende Verwertung von Agrarüberschussprodukten in Europa und USA zu Biodiesel, Biogas und Bioethanol.


2. Biosprit ist zu teuer und stellt keine wirtschaftliche Alternative zu Öl und Kohle dar.

Richtig ist, dass der rasant steigende Energiebedarf der Welt auf Dauer nicht allein durch fossile Energieträger wie Kohle und Öl gedeckt werden kann. Auch der nur scheinbar CO2 neutrale Atomstrom, auf Basis von radioaktivem Uran steht nicht unbegrenzt zur Verfügung und stellt ein nicht zu unterschätzendes Umweltrisiko dar. Würde man die Produktion von Biosprit aussetzen, würde der ohnehin schon auf Rekordniveau notierenden Ölpreis durch die zusätzliche Nachfrage noch weiter in die Höhe schnellen. Können Sie es sich leisten, für einen Liter Benzin auf Dauer 1,90 EUR und mehr zu bezahlen? Neben dem Finanzminister profitieren nur die Mineralölgesellschaften und die Ölexportierenden Länder von einem hohen Ölpreis. Investitionen in regional und effizient hergestellten Biokraftstoff wie z.B. Bioethanol aus Holzresten, Strohverfeuerung etc. nützen der heimischen Wirtschaft und lassen neue Arbeitsplätze entstehen.

Die Endlichkeit der Ressourcen Öl und Kohle haben in den letzten 5 Jahren zu einem Umdenken in der Energiepolitik vieler Industrieländer geführt. In Folge dessen wurde die Notwendigkeit eines Energiemixes aus (Öl, Kohle, Atom) mit Wind, Wasser, Solar und Biomasse erkannt und den regionalen Anforderungen entsprechend, gefördert. Ziel dieser Bestrebungen ist der schrittweise Ersatz von fossilen Energieträgern durch einen sinnvollen Mix von regenerativen Energieformen, die Idealerweise nur wenig oder gar kein CO2 mehr frei setzen und somit auch der Erwärmung des Erdklimas wirksam vorbeugen.


3. Müssen wir die zuletzt stark gestiegene Produktion von Biosprit zeitweise begrenzen oder gar stoppen, um die Teuerung bei den Grundnahrungsmitteln in den Griff zu bekommen?

Man muss sich zunächst einmal klar machen, dass Biosprit nicht der alleinige Auslöser der Preisspirale bei den Grundnahrungsmitteln ist (s. Frage 1.). So ist z.B. die Teuerung von Milch und Weizen keine Folge des momentanen Biosprit Booms, sondern schlichtweg auf eine temporäre Angebotsknappheit zurück zu führen. Sobald das Angebot an Milch wieder zunimmt (Aldi hat Mitte April die Preise für Milch gesenkt) fällt auch wieder der Preis.

Um die Teuerung bei Grundnahrungsmitteln dauerhaft in den Griff zu bekommen, und da sind sich die Agrarfachleute wie auch die Agrarpolitiker weltweit einig, müssen gerade in den Schwellenländern und in der Dritten Welt (übles Wort!), allen voran in Afrika und in Asien, der Ausbau der Landwirtschaft höchste Priorität erhalten. Aufgrund der Jahre langen, einseitigen Ausrichtung auf den Industriesektor blieb das Produktivitätsniveau der Landwirtschaft in Ländern wie China, Indien und Indonesien auf dem Niveau von vor 50 Jahren stehen. Entsprechend niedrig sind die Flächenerträge und der Gesamtertrag. Würde die Politik in diesen Ländern mehr in den Aufbau einer modernen Landwirtschaft investieren, so könnten sich diese Länder auf Dauer selbst mit preiswerten Grundnahrungsmitteln versorgen, anstatt auf (früher billige – heute teure) Importe angewiesen zu sein.


4. Weil in der EU und in USA Mais und Weizen zu Bioethanol verarbeitet werden, hungern die Kinder in Mexiko und Afrika.

Richtig ist, dass die durch eine verfehlte Agrarpolitik in der EU und in Nordamerika erzeugten Überschüsse an Mais und Weizen über fast 2 Jahrzehnte zu einem sogenannten „Weltmarktpreis“ exportiert (=entsorgt) wurden, der es den Ärmeren Ländern viele Jahre lang erlaubte, sich vergleichsweise günstig mit eben diesen Getreidesorten einzudecken. Es muss dazu gesagt werden, dass dieser „Weltmarktpreis“ nur durch die permanente Zahlung von erheblichen  Produktionsbeihilfen an die Bauern der Industrieländer und weiteren sogenannten Exportsubventionen (=Entsorgungsprämie) zustande kommen konnte. Zu keinem Zeitpunkt waren Deutsche, Französische, oder Nordamerikanische Bauern, trotz höchster Produktivität und Effizienz in der Lage, zu diesem „Weltmarktpreis“ kostendeckend zu arbeiten.

Der Überschuss an Weizen und Mais wurde in regelmäßigen Abständen mehr oder weniger kostenlos an die ärmsten (Afrikanischen) Länder (Sudan, Äthiopien u.a.) verteilt, mit der Konsequenz, dass sich die Landwirtschaft in diesen Ländern niemals nachhaltig entwickeln konnte. Warum soll ein Bauer Geld in den Ausbau seiner Landwirtschaft investieren, wenn man den Weizen doch immer öfter geschenkt bekommt?

Sinnvoller wäre es, wenn wir unsere eigenen Agrarüberschüsse nachhaltig reduzieren, als auch auf die „wohl gemeinten“ Nahrungsmittelspenden verzichten und den Ärmsten der Armen endlich dabei helfen sich selbst zu ernähren (s. Frage 3.).


5. Es war falsch, die Agrarüberschüsse in den Industrieländern für die Herstellung von Biosprit einzusetzen.

Wir wollen diesen Satz korrigieren indem wir sagen: „Es war falsch, jahrelang Agrarüberschüsse zu produzieren und diese dann zu Dumping Preisen weltweit zu verschleudern.“
Die zuletzt herbeigeführte Wende in der EU Agrarpolitik, die eine Abkehr von der bisherigen Überschussproduktion hin zu einer Angebots- und Nachfrage orientierten Produktionsweise bedeutet, ist grundsätzlich zu befürworten, da diese sowohl die Verschwendung von Steuergeldern für Produktionsbeihilfen an die Landwirtschaft eindämmt als auch den einzelnen landwirtschaftlichen Betrieben zumindest eine Existenzgrundlage sichert und die negativen Auswirkungen von Dumpingpreisen auf die Entwicklung der Landwirtschaft in der Dritten Welt und in Schwellenländern eliminiert.

Erste Auswirkungen dieser veränderten EU Agrarpolitik können wir an den erheblichen Preissteigerungen für Grundnahrungsmittel ablesen, die wenn auch zeitweise völlig übertrieben, mittelfristig doch zu einem veränderten Preisniveau für Nahrungsmittel führen wird, dass sich an den Herstellungskosten in der Landwirtschaft orientieren wird.


6. Jahrelang waren Nahrungsmittel bei uns billig, durch die Verarbeitung von überschüssigem Getreide zu Biosprit werden nun auch noch die Nahrungsmittel teurer!

Die scheinbar günstigen Preise für Agrarrohstoffe wie Milch, Weizen und Mais waren über Jahre nur eine teure Milchmädchenrechnung für den Endverbraucher. Während die Preise im Lebensmitteleinzelhandel sich über die letzten Jahre eher konstant bis rückläufig entwickelten, so wurden im gleichen Zeitraum die Produktionsbeihilfen für die Not leidenden EU Bauern immer weiter herauf gefahren. Diese Produktionsbeihilfen wurden und werden letztlich durch Steuergelder von EU Bürgern finanziert. In der Spitze wurde die Hälfte des EU Haushalts für das Überleben der Landwirtschaft und zum Aufbau von EU Weizen- und Butterbergen, Milchseen usw. aufgewendet. Geholfen hat dies jedoch weder den Bauern in der EU, noch in der Dritten Welt, noch den Verbrauchern, die nur scheinbar billige Nahrungsmittel über noch höhere Steuern finanzieren müssen.


7. Wir brauchen endlich Biokraftstoffe der 2. Generation, um das durch die Verwendung von Nahrungspflanzen für die Biokraftstoffherstellung entstehende Konfliktpotential abzubauen.

Diese Aussage können wir vom Prinzip her nur unterstreichen. Es kann auf Dauer nicht Sinn und Zweck sein, hochwertige Nahrungspflanzen auf konventionelle Weise zu Biosprit zu verarbeiten, wenn durch die Entwicklung neuer Produktionsverfahren dieselbe Menge an Biosprit mit einem Bruchteil des bisherigen Aufwands generiert werden kann.

Dazu müssen wir aber auch bereit sein, die noch sehr junge Biokraftstoffindustrie darin zu unterstützen, möglichst rasch, effizientere Verfahren zu entwickeln, die einen wirtschaftlichen und ökologischen Betrieb von regionalen Biokraftstoffanlagen auch hier zu Lande ermöglicht. Warum sollten wir nicht hergehen und einen Teil der immensen Agrarsubventionen in den Aufbau von Pilotanlagen zur Herstellung von Biokraftstoffen aus Energiepflanzen, Holzresten, Stroh, etc. zu investieren, die keine Konkurrenz zu Nahrungsmitteln mehr darstellen und auch der Landwirtschaft eine Existenzgrundlage bieten?


Zusammenfassung:

  • Der Anstieg der Nahrungsmittelpreise ist nicht allein Folge des Biosprit Booms.

  • Um einem andauernden Konflikt zwischen Nahrungsmitteln und Biosprit für die Zukunft wirksam vorzubeugen, sollten die Rohstoffe für Biosprit von den momentan noch häufig eingesetzten Nahrungspflanzen nach und nach auf reine Energiepflanzen (u.a. Holzreste) umgestellt werden.

  • Um die ausreichende Versorgung mit preiswerten Nahrungsmitteln in Schwellenländern und Ländern der Dritten Welt sicher zu stellen, muss der Aufbau der Landwirtschaft in diesen Ländern vorrang vor dem Aufbau der Industrie erhalten.

  • Der Aufbau der Landwirtschaft in der Dritten Welt wurde zu lange vernachlässigt. Dies muss sich endlich ändern. Das wohl gemeinte Verschenken von Nahrungsmitteln (=Agrarüberschüssen) an die ärmsten der Armen muss gestoppt werden. Stattdessen muss man den Menschen (notfalls durch finanzielle Unterstützung) die Möglichkeit geben, die benötigten Nahrungsmittel im eigenen Land kostengünstig (nicht kostenlos) selbst herzustellen.

  • Die noch junge Biokraftstoffindustrie muss darin unterstützt werden, alternative Verfahren zur kostengünstigen und ökologisch sinnvollen Produktion von Biokraftstoffen zu entwickeln und einzusetzen.


Weiterführende Links zum Thema Biosprit:

Tagesschau vom 6. Mai 2008 >> UNO fordert Eingrenzung von Biospritprogrammen. Biokraftstoffpläne der EU und Deutschland.  Deutschland plant Abkommen mit Brasilien über Ethanollieferungen aus nachhaltigem Anbau.

Süddeutsche Zeitung - Bitte helft uns nicht! >> Andrew Mwenda, ein junger Afrikanischer Journalist aus Uganda, liefert ungewöhnliche Einblicke in die Realität vieler Afrikanischer Staaten...

Der Tagesspiegel - Der Holzweg als Hoffnung >> Kanzlerin Merkel eröffnet in Sachsen die weltweit erste Anlage für Biosprit der zweiten Generation...

FTD - Globalisierung kommt bei Bauern gut an >> Den deutschen Bauern macht die Scholle (endlich) wieder Spaß.....

Spiegel Ausgabe vom 13.10.1980 - Der EG Butterberg wiegt 300.000 Tonnnen >> EU Agrarminister verschleudern jedes Jahr überschüssige Butter ausserhalb der EG an die Sowjetunion... Kennen Sie noch den EG Butterberg ? Wenn nicht, lesen Sie hier nach... 

Wenn Sie interessante links kennen, schicken Sie uns diese bitte per Email zu. Die besten Links werden später an dieser Stelle veröffentlicht.